Der arme Lazarus und die Kunst

Liebe Freunde

Vergangenen Sonntag hielt meine Frau eine wunderbare Predigt über das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus (nachzulesen in der Bibel; Lukas 16: 19-31). Wir sind alle irgendwie reich. Wir besitzen Dinge, welche wir teilen können: zum Beispiel Zeit, das Wissen um die Liebe Gottes, und manchmal sogar Geld. Wir können nicht immer den armen Lazarus zum Essen einladen. Aber manchmal sind Brosamen schon genug (oder zumindest ein guter Anfang). Meine Frau schwatzt gerne mit der Verkäuferin im Aldi. Ich kaufe ab und zu eine Schoggi für den rumänischen Akkordeonisten bei der Migros. Nun grüsst er mich auch, wenn ich ihm nichts gebe. Vielleicht kann ich ihn einmal zu einem Bankett an Gottes Tafel einladen.

Für den besagten Gottesdienst versuchte ich, die Gedanken meiner Frau mit einigen Bildern zu illustrieren. Dabei sprach mich besonders die Photographie eines Obdachlosen in den Strassen von la Nouvelle Orléans an. Dieser offensichtlich bedürftige Mann stiess seinen Einkaufswagen mit seiner ganzen Habe wie eine schwere Last vor sich her durch die Royal Street quer durch das pulsierende Vieux Caré. Dann hielt er plötzlich inne und betrachtete eine Weile die ausgestellten Zeichnungen eines Strassenkünstlers.

Obdachloser in Royalstreet, New Orleans, USA. Photo: www.andi-fuhrer.ch
Photo: www.andi-fuhrer.ch (New Orleans, 2019)

Wie meine Frau in ihrer Textauslegung treffend darlegte, haben die Lazarus (nach Duden gibt es keinen Plural) um uns herum nicht nur materielle Bedürfnisse. Wir sind ganzheitliche Menschen. So können wir auch ganzheitlich arm - oder reich - sein. Die Heilsarmee hatte übrigens schon in viktorianischer Zeit ihre Mission für Leib, Seele und Geist ganzheitlich mit ihren drei S (Suppe, Seife, Seelenheil) auf den Punkt gebracht. Jesus hat denselben Auftrag schon seinen Jüngern gegeben, einfach mit anderen Worten (Lukas 9: 1-2). Moderne Erkenntnis erweist sich oft als erstaunlich alt und zutiefst biblisch… Heute sagen wir es einfach komplizierter.

Trotz holistischer Anthropologie hege ich manchmal den Eindruck, dass uns die maslowsche Bedürfnispyramide den Blick verwehrt auf die Notwendigkeit des «Unnötigen». Als sozialwissenschaftlich und pastoral ausgebildeter Berufs-Salutist denke ich mit meinem ganzheitlichen «Approach» für diesen obdachlosen Mann natürlich sofort an seine elementaren Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen und Gesundheit. Dann dürfen mir auch sein psycho-soziales Wohlbefinden nicht vergessen. Schliesslich wäre es mir ein grosses Herzensanliegen, ihm Jesus vorstellen zu dürfen. Aber wäre ich auf die Idee gekommen, dass dieser mit dem Überleben beschäftigte Clochard seine Verschnaufpause nicht bei mir in der Gassenküche oder im Andachtsraum einlegen würde, sondern auf dem Gehsteig vor einer Strassen-Kunst-Galerie?

Ich könnte nun Herrn Maslow und seinem Steinhaufen die Schuld geben, dass wir das «unnötige Bedürfnis» nach Schönheit übersehen. Aber glücklicherweise ist Gott gnädig mit mir und lässt mich nicht bei diesem gescheiten Monument stehen. Durch die Auseinandersetzung mit unserem neuen Projekt (siehe Artikel vom April 2019) der Heilsarmee Luzern und durch die Begegnung mit Menschen aus meinem Quartier lässt er mich die Bedeutung der Kreativität ganz neu entdecken!  

Zu Beginn habe ich mich selbst oft gefragt, ob wir mit unserem Factory-Konzept unsere evangelistisch-sozialdiakonische salutistische Tripple-S-Mission (Suppe, Seife, Seelenheil) erfüllen können. Seither realisiere ich immer mehr, dass Kreativität und Kunst ein perfekter Weg dazu sind. Kreativität verbindet wie kaum ein anderes Medium Körper, Seele und Geist. Sie transzendiert sogar das Konzept der Ganzheitlichkeit. Tanz verbindet Gotteserfahrung mit Körpergefühl. Ein raffiniertes Gericht ist ein hochsinnlicher Vorgeschmack auf den Himmel, und nebenbei sättigt es auch noch den Körper in guter Gesellschaft. Musik kann das emotionale und das körperliche Herz heilen. Kreativität lässt uns als Gottes Ebenbild und Geschöpf wie ein Blumenstrauss zur Entfaltung kommen. Kreativität ist die erste Offenbarung der Bibel über Gottes Wesen (Genesis 1: 1-2). Es ist die Kraft Gottes, welche Leben und Schönheit schafft. Kreativität verbindet sowohl Menschen als auch Wunden. Sie bringt Tiefgang und offenbart Schönheit. Sie spendet Trost, lässt stumme Schreie erklingen und uns stille werden vor dem Thron des Höchsten.  ...   Ich komme ins Schwärmen!

Kunst und Kreativität sind «wie geschaffen», um unseren Auftrag als Christen, als Salutisten und als Gemeinde Christi auszuführen. Es ist ein wunderbarer Weg, Gottes Grösse, seine Liebe und Vergebung in einer oft ganzheitlich übersättigt-bedürftigen Welt zu offenbaren! Dies sind mehr als nur Brosamen, welche von Gottes reich gedecktem Tisch zu uns Lazarussen (kreative Pluralbildung) herabfallen. Als Vorgeschmack auf das angekündigte himmlische Hochzeits-Bankett gewissermassen. En Guete!

Andi Fuhrer