Hiob und die Abschaffung Gottes

Andi Fuhrer

Liebe Freunde,       

Andi FuhrerLetzthin las ich wieder einmal das Buch Hiob durch. Dabei, wie so oft, wenn ich die Bibel lese, erlebte ich eine Überraschung.  
Nachdem Hiob in all seinem himmelschreienden Leiden auch noch die besserwisserischen Belehrungen seiner Freunde aushalten musste, welche ihm seine unerklärbare Situation erklären wollten, platzt ihm schliesslich der Kragen und er erklärte Gott, was er von all dem denkt. In seinem Schmerz vergreift er sich im Ton und wirft Gott so einiges vor. Das kann Gott so nicht stehen lassen und fordert seinerseits seinen Ankläger Hiob heraus (Hiob 38, 1-5): 
Dann ergriff der Herr selbst das Wort und antwortete Hiob aus dem Sturm heraus. Er sagte zu ihm: »Wer bist du, dass du meinen Plan anzweifelst, von Dingen redest, die du nicht verstehst? Nun gut! Steh auf und zeige dich als Mann! Ich will dich fragen, gib du mir Bescheid! Wo warst du denn, als ich die Erde machte? Wenn du es weißt, dann sage es mir doch! Wer hat bestimmt, wie groß sie werden sollte? Wer hat das mit der Messschnur festgelegt? Du weißt doch alles! Oder etwa nicht?»  In einer überwältigenden Salve rhetorischer Fragen (3 Kapitel !) führt der Allmächtige einen Überlegenheitsbeweis, welcher alle klassischen Gottesbeweise in verblüffender Einfachheit vereint: Neben Gott gibt es keinen Grösseren[1], er ist der Verursacher von allem Existierenden[2], und alles wurde mit Absicht und Sinn erschaffen[3]. Hiob gesteht denn auch demütig ein: Ich weiss, dass ich nicht weiss[4]. Wie hätte Hiob auch all diese Dinge wissen können, welche der Schöpfer aller Dinge vorführt (zum Beispiel Hiob 38, 16-18):  Bist du auch bis zu den Quellen des Meeres gekommen, oder hast du den Urgrund der Meerestiefe durchwandelt? Sind dir die Tore des Todes geöffnet worden, oder hast du die Pforten des Todesschattens gesehen? Hast du die Breiten der Erde überschaut? Weißt du das alles, so sage es mir! Da wird nicht nur Hiob stumm, sondern auch ich bin überwältigt von Gottes Grösse.            
Aber Moment (Überraschung)! …. Ich kann eigentlich auf all diese Fragen Gottes antworten! Der Mensch hat nicht nur die tiefsten Meeresgründe erforscht, sondern sogar seinen Fuss auf den Mond gesetzt! Durch Medizin und Technologie verschieben wir die Grenzen des menschlichen Lebens. Wir betrachten die Erde aus dem Weltall und kennen ihre Dimensionen auf den Millimeter genau. Ja, Gott, um auf deine Frage zu antworten: wir wissen das heute alles! Gib mir deine Email-Adresse, und ich sende dir den entsprechenden Wikipedia-Link
[5].  
Der Allwissende stolpert über seine eigene Gottes-Beweis-Führung. Wenn Wissen und die Fähigkeit, die Welt zu erklären, das Kriterium ist, dann ging der Wunsch Adams, wie Gott zu sein, in Erfüllung. Die Vernunft hat triumphiert und der Mensch ersetzt jetzt Gott als Mass und Erklärer aller Dinge. Ob Gott nun tot ist, wie ein weiser Mann namens Nietzsche († 1844) einst behauptete, ist dabei eigentlich unwichtig. Gott hat sich als solcher irgendwie selbst abgeschafft.        
All diese Überlegungen, welche ich mir hier bei meiner Bibellese während ein paar Sekunden gemacht habe, widerspiegeln in recht treffender Weise die Geistesgeschichte des modernen Menschen, welcher sich selbst ganz unbescheiden Homo Sapiens Sapiens[6] nennt. Ich frage mich, warum wir gleich zweimal betonen müssen, dass wir «es (besser) wissen»? Ist es einfach ein intellektuelles Stottern, oder wollen wir uns selber von unserer Überlegenheit überzeugen? Es ist auf jedenfalls eine deutliche Selbstoffenbarung über unser Selbstverständnis: Ich weiss, also bin ich… Mensch… Gott …  Spätestens hier beginnt dieser Gedankengang absurd zu werden. Es gibt ein einfaches Instrument, den Wert einer Weltanschauung zu prüfen: Kommen wir, bei konsequentem Durchdenken, zu einem absurden Ergebnis, liegt schon in den Grundannahmen der Wurm drin, mag der Apfel von aussen noch so betörend aussehen. Genau das geschah mir mit meinem Gedankengang: Er hat mich mitten in die absurde Denkweise unserer Zeit geführt. Soviel Gutes und Schönes uns Renaissance, Aufklärung, Humanismus, Technologie und Wissenschaft auch gebracht haben (und ich meine das!), so haben wir dadurch letztlich Gott (den perfekten, allmächtigen Schöpfer), durch den Menschen (ein korruptes, begrenztes Geschöpf) ersetzt. Wo liegt denn nun aber der Wurm drin bei meiner Textauslegung? Lesen wir noch einmal aufmerksam den Beginn von Gottes Herausforderung an Hiob (Vers 4):  Wo warst DU denn, als ICH die Erde machte? Wenn du es weißt, dann sage es mir doch! WER hat bestimmt, wie groß sie werden sollte? WER hat das mit der Messschnur festgelegt? Gott fragt hier nicht nach dem «Was» und «Wie», sondern nach dem «Wer» und dem «Warum[7]». Es ist wahrlich beeindruckend, was wir Menschen heute über das «Was» und «Wie» unserer Welt aussagen können. Wir können Stoffwechselprozesse chemisch beschreiben und mit Mathematik das Wetter vorhersagen. Aber wir sind blind, DEN zu erkennen, der dahintersteht. Wir verwechseln Wissen mit Weisheit und Erklären mit Verstehen. Letzteres bleibt uns aber verschlossen, wenn wir Gott als Erklärung der Welt und unserer eigenen Existenz ausschliessen. Es geht um unseren Lebenssinn. Es geht um Liebe, um Schönheit und Vergebung. Um das grosse WARUM unserer Existenz. Darum ging es auch Hiob. Aber, indem er sich zum Ankläger und Richter Gottes erhob und somit die Rollen vertauschte, verlor er die Perspektive, um die Antwort erkennen zu können. Gott verweist Hiob nicht an seinen Platz, weil er seine Überlegenheit als Gott beweisen müsste. Es geht ihm darum, dass der Mensch, welcher sich an die Stelle Gottes setzt, seinen Schöpfer von dieser überhöhten Position aus gar nicht mehr wahrnehmen und entdecken kann. Es wäre, wie wenn ich auf einen Stuhl stiege, mich dann umblicken würde und zum Schluss käme, da ich den Stuhl nicht sehe, gäbe es ihn nicht. Nur, indem wir Gott erkennen, erfahren wir, wer wir sind und was Gottes Absicht für uns ist. Dies ist das eigentlich Wissenswerte, das es zu entdecken gibt.         
Hiob hat auf Gottes Herausforderung mit Demut geantwortet (Hiob 42, 1-4): Da antwortete Hiob: Herr, ich erkenne, dass du alles zu tun vermagst; nichts und niemand kann deinen Plan vereiteln. Du hast gefragt: ›Wer bist du, dass du meine Weisheit anzweifelst mit Worten ohne Verstand?‹ Ja, es ist wahr: Ich habe von Dingen geredet, die ich nicht begreife, sie sind zu hoch für mich und übersteigen meinen Verstand. Du hast gesagt: ›Hör mir zu, jetzt rede ich, ich will dich fragen, und du sollst mir antworten!‹  Aus dieser Perspektive konnte er deshalb zu dieser wunderbaren Feststellung kommen (Vers 5): Herr, ich kannte dich nur vom Hörensagen, jetzt aber habe 
Andi Fuhrerich dich mit eigenen Augen gesehen! 
      



[1] Ontologischer Gottesbeweis 

[2] Kosmologischer Gottesbeweis

[3] Teleologischer Gottesbeweis

[4] Es erscheint hier der Verdacht, dass Sokrates Hiob plagiiert haben könnte … 

[5] Wikipedia umfasst heute (30.10.2019) exakt 51’349’587 Artikel (das sind 8530 mehr als gestern), in 302 Sprachen

[6] Das Wort «Sapiens» kommt von «Bedeutung», und meint in seiner ursprünglichen Verwendung als Namenszusatz «der Weise».

[7] Das «Warum» beinhaltet die Frage nach dem Ursprung, nach dem Wozu, nach dem Plan, nach dem Sinn.