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Der skandalöse Jööö-sus

Artist: Anne-Marie Fuhrer (Photo: Andi Fuhrer)
Artist: Anne-Marie Fuhrer (Photo: Andi Fuhrer)

Liebe Freunde der Heilsarmee Luzern

Wir haben das Vorrecht, im schönen Bruch-Quartier zu wohnen, welches architektonisch stark vom Jugendstil geprägt ist. So hat meine Frau denn ganz in der Manier dieser Epoche unser eben frisch installiertes Weihnachts-Schaufenster entworfen. Ein seliges, blondes Christkind reitet auf dem Schweif des Weihnachtssternes in unsere Welt herab. Der Jööö-Effekt ist uns garantiert und wir freuen uns schon ganz menschlich auf all die bewundernden Reaktionen und Komplimente für dieses schöne Weihnachtsfenster. 

Dabei hätte es auch so anders kommen können. Wir erhielten das Angebot, ein Weihnachtsgraffiti vom international renommierten Luzerner Graffiti-Künstler Ezra Pirk bei uns auszustellen. Das wäre sicher weniger «härzig», dafür vielleicht für einige sogar ein kleiner Skandal gewesen. 

Artist: Ezra Pirk (Quelle: facebook.com)
Artist: Ezra Pirk (Quelle: facebook.com)

 

Aber eigentlich ist das ach so herzige Christkind an sich ein Skandal. Die Jungfrau Maria erwartete ein aussereheliches Kind. Die Geburt zwischen Esel und Ochse zeugt mit Stallgeruch von Armut und fehlender Gastfreundschaft der Erdlinge ihrem Schöpfer gegenüber. Die rätselhaften Besucher aus dem Orient lassen bereits die geopolitische Brisanz des Königs der Juden erahnen. Dabei lösten diese Weisen eine machtpolitische Panikattacke beim König Herodes aus, welche in einem staatlich angeordneten Kinder-Massenmord mündete. Vielleicht lassen uns die aktuellen Spannungen in Hongkong und die vage Angst vor einer Wiederholung des Tiananmen-Massakers die Brisanz davon erahnen. Die heilige Familie fand sich daraufhin als politische Flüchtlinge in Ägypten wieder. 

Sein ganzes Leben lang war Jesus ein Skandal: Seine radikale Lehre eckte genauso an wie sein religiös nicht korrektes Handeln. Sein schrecklicher Tod war ein politisch motivierter Mord, ausgeführt durch eine Allianz mit der verhassten Besatzungsmacht. Durch die Bestechung der römischen Soldaten sollte die Auferstehung durch die Verbreitung von Fake News vertuscht werden. Und seither wurden seine Anhänger verfolgt und die Verbreitung seiner Lehre verboten – bis heute.  

Artist: Ezra Pirk (Quelle: facebook.com)Warum ist Jesus so skandalös? Jesus passt nicht in diese Welt. Das kleine Christkind mit dem Jööö-Faktor weckt zwar bei den meisten wohlige weihnächtliche Gefühle und Erinnerungen. Es hat auch als ausserordentlich umsatzfördernder Wirtschaftsfaktor einen fixen Platz in unserer modernen Gesellschaft. Aber der «echte», biblische Jesus steht quer. Der ist unvermarktbar - ökonomisch genauso wie ideologisch. Er stört und irritiert. Und wir lassen uns nun mal nicht gerne stören. Wenn wir diesen Jesus ernstnehmen würden, dann müssten wir unsere Prioritäten überdenken, konsequenter unsere Werte ausleben und unsere Haltung dem Mitmenschen gegenüber infrage stellen. Bis zu einem gewissen Grad ginge das ja noch. Als Luxuserscheinung unserer Superzivilisation haben aufmüpfige Querköpfe durchaus Heldenpotenzial, solange ich immer noch Netflix auf meinem iPad anschauen kann. Die zurzeit jüngste Störenfrieda heisst gerade Greta. Und vielleicht trump(f)t der flegelhafte Donald auch noch einmal auf… Diese beiden Rettertypen irritieren zwar auch nicht wenige. Jesus hat aber noch einen zusätzlichen Störfaktor: es gibt kaum etwas, was unseren Zeitgeist so reizt wie sein Absolutheitsanspruch als Retter. Wenn wir den niedlichen Jööösus in Sonntagschul-Manier auf Altdeutsch «Heiland» nennen, darf uns das nicht täuschen: Wir bezeichnen ihn damit als Messias, den alleinigen Erlöser der Welt. Jesus schlägt uns nicht nur ein paar weitere «alternative Fakten» vor, sondern beansprucht für sich, als Christus die göttliche Wahrheit in Person zu sein. Das ist die Botschaft von Weihnachten, vom Christkind, vom Licht dieser Welt. Das ist aber auch so ziemlich das politisch Unkorrekteste, was man heute äussern kann. 

Da wir aber alles postmoderne, tolerante Menschen sind, müssten wir eigentlich alle Standpunkte gelten lassen, auch diejenigen vom biblischen Jesus. Nehmen wir deshalb einmal an, rein hypothetisch natürlich, dass Jesus und die Bibel Recht hätten. Setzen wir also voraus, es gäbe tatsächlich einen Gott. Dann wäre es nicht abwegig, zu denken, dass er die Welt und den Menschen mit einem Ziel erschaffen hätte. Nehmen wir weiter an, dieses Ziel bestünde darin, dass wir zusammen mit unserem Schöpfer für immer glücklich zusammenlebten (ganz zufällig bestätigen uns alle Sozialwissenshaften, dass der Mensch ein Beziehungswesen ist). So wie wir den Menschen heute kennen, wäre es durchaus denkbar, dass er sich von Gott hätte emanzipieren wollen und beschlossen hätte, das Leben ohne seinen Urheber und dessen Ratschlag zu meistern. Die Idee, dass uns Menschen dies nicht so gut gelang, und deshalb zu Ungerechtigkeit und Leid geführt hat, wäre dann nicht unlogisch. Da Gott in seiner Liebe zum Menschen immer noch an seinem Plan der Beziehung festhielte, täte er alles, um diese gesehnte Gemeinschaft wiederherzustellen. Da der Mensch in seiner Begrenztheit nicht mehr von sich aus zu Gott zurückkehren könnte, hätte Gott ja die Idee haben können, selber Mensch zu werden, um uns auf unserem Niveau zu erreichen. Jesus hätte dann an unserer Stelle den von uns angerichteten Schaden wiedergutmachen können. Er hätte alles Unrecht und Leid auf sich genommen und wäre stellvertretend für uns gestorben. Als menschgewordener Gott hätte Jesus tatsächlich auferstehen können und hätte damit bewiesen, dass er stärker wäre als Tod, Krankheit und Ungerechtigkeit. Im Unterschied zu allen anderen Gurus und Religionsstiftern hätte Jesus dann nicht nur einen Weg zum Heil aufgezeigt, sondern alles Nötige auch gleich selber vollbracht, um uns dieses Heil gratis zu ermöglichen. Wir müssten dies nur anerkennen und seine Vergebung annehmen, um mit Gott wieder in ewiger Harmonie versöhnt zu sein. Das alles wäre tatsächlich einzigartig. 

Aber das kann ja nicht sein, das ist zu «jööö»…., zu einfach um wahr zu sein. Da ist uns ein «echter» Jööösus als Christkind dann doch lieber. Von dem wissen wir wenigstens, dass er so nicht wirklich echt ist, und niemanden stört… Dann können wir heute Abend guten Gewissens noch schnell an den Black Friday, bevor der Weihnachtsrummel losgeht. Damit das Wichtigste das Wichtigste bleibt. 

 

Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete Weihnachtszeit!