Ich richte niemand!

Liebe Freunde der Heilsarmee Luzern

Zu meinen eher wenigen Kindheitserinnerungen gehören die vielen Spitznamen, welche mir angehängt wurden. Ein Mitschüler machte mal eine Liste mit etwa 20 Namen… .«Vogelkatalog» (weil ich so viele Vogelnamen kannte) und «Stänge» (wegen meiner Körpergrösse) gehörten eher zu den netteren Bezeichnungen, mit welchen ich gehänselt wurde. Obwohl es niemand von uns schätzt, abgestempelt zu werden, sind wir alle doch ziemlich freizügig, unsere Mitmenschen mit allerlei Etiketten zu versehen. Natürlich gibt es darunter auch Kosenamen und Komplimente. Aber auch wenn ich eine Person mit nicht-schweizerischen Wurzeln objektiv absolut korrekt als «Ausländer» bezeichne, kann da schnell auch ein Richten und schliesslich ein Verurteilen mitschwingen.

Schon beinahe provokativ klingt da die Aussage Jesu (nachzulesen in der Bibel in Johannes 8: 15): «Ich richte niemanden». Dieser Satz ist eine Reaktion auf die Haltung der Pharisäer (der religiösen Führer), nachdem sie eine in flagranti beim Fremdgehen erwischte Frau vor Jesus führten. Nebenbei bemerkt: Man darf sich natürlich die Frage stellen, wie genau denn diese religiösen Führer diese Frau auf frischer Tat in einem fremden Bett gesehen haben konnten…. Diese ganze mise-en-scène hatte zum Ziel, den angeblichen Sohn Gottes zu einem verhängnisvollen Urteil zu zwingen: entweder steht er zum Gesetz, welches dieser Frau für ihren unehelichen Sex das Leben kosten könnte. Oder er lässt sie leben und billigt damit die Sünde dieser Frau. Unmöglich, da nicht in eine Falle zu treten! Es folgt darauf die berühmte Einladung Jesu, dass derjenige, welcher ohne Sünde sei, doch bitte den ersten Stein werfen möge…. Mit dieser Antwort zerschlägt er verblüffend diesen religiösen gordischen Knoten und stellt damit sogar Salomon mit all seiner Weisheit in den Schatten. 

In den folgenden Versen fährt Jesus seinen Dialog mit den Pharisäern fort. Er macht hier eine vergleichende Gegenüberstellung von sich selber und seinen Herausforderern. Zusammenfassend sagt Jesus über sich selber Folgendes aus: «Ich kenne meinen Vater. Deshalb kann ich die Wahrheit sagen und weiss, woher ich komme und was meine Bestimmung ist: Ich bin gekommen, das Licht der Welt zu sein, nicht aber um zu richten». 

Seinen besonders religiösen Gesprächspartnern hingegen wirft er Folgendes vor: «Ihr kennt euren Vater nicht. Deshalb wandelt ihr in der Finsternis und wisst gar nicht, weshalb ihr hier seid. Und trotzdem richtet ihr euren Nächsten auf menschliche Art». 

Jesus wäre der am besten qualifizierte und legitimste Richter. Trotz ihres offensichtlichen Fehlers verurteilt Jesus diese Frau nicht. Vielmehr stellt er sich schützend zwischen sie und ihre Richter. Er gibt ihr ihren (Selbst-)Wert zurück und öffnet ihr den Weg hinaus aus der Scham hinein in ein Leben mit Würde. 

Die Pharisäer auf der anderen Seite, stellvertretend für unsere menschliche Natur, beurteilen diese Frau von ihrem moralisch und geistlich fragwürdigen Standunkt aus. Objektiv gesehen haben sie in ihrem Urteil recht. Aber Ihr zerstörerisches Aburteilen führte zu Blossstellung und Erniedrigung. 

Ich finde mich in dieser Geschichte wieder. Wenn ich meine Identität kenne und diese im Wissen um die Liebe meines himmlischen Vaters gegründet ist, habe ich es nicht nötig, andere zu richten. Wenn ich aber mich selber nicht kenne und mich mir selbst und andern beweisen muss, dann neige ich dazu, andere zu erniedrigen.  

Und wie geht es Ihnen?

 

Mit freundlichen Grüssen!                   
Andi Fuhrer (Leiter der Heilsarmee Luzern)

 

PS: Unsere aktuelle Schaufenster-Installation an der Bruchstrasse 59 ist diesem Thema gewidmet.